Neumayer-Station – Überquerungen
LABEL: Claremont 56Zwei Jahre nach ihrem Einstand mit einem feinen Beitrag zur Zusammenstellung Claremont Editions 3 sind Nürnbergs Neumayer Station bereit, ihre erste abendfüllende Reise vorzulegen: das fesselnde und ganz in sich aufnehmende Crossings. Als Idee des vom Schlagzeuger zum Produzenten gewordenen Michael Kargel – eines Musikers mit prall gefülltem Lebenslauf, der Stationen in verschiedenen deutschen Indie-Pop- und Rock’n’Roll-Bands umfasst – wurde Crossings von Frank Mollena (Claremont-56-Anhängern am besten bekannt als Kopf hinter den Projekten Fürsattl und Bambi Davidson) mitproduziert und gemischt; hinzu kommen Beiträge von Alexander Sticht sowie eine beeindruckende Reihe von Gastmusikern aus Nürnbergs lebendigem musikalischem Untergrund.
Die acht Stücke, die auf Neumayer Stations inspiriertem Erstlingsalbum zu hören sind und zu unterschiedlichen Zeiten in den vergangenen drei Jahren aufgenommen wurden, schöpfen aus der Sogkraft klassischer deutscher „kosmischer“ Aufnahmen, der frei drehenden, benebelten Wucht von CAN und der sanft sich entfaltenden Schönheit sonnengetränkter Balearica. Kargel, Mollena und ihre Mitstreiter geben mit dem Auftakt „Unterführung“ die Richtung vor: Stichts geschichtete, klanglich verhangene Lautäußerungen steigen über Weltraumrock-Gitarrenmustern, dröhnenden analogen Synthesizerklängen, trägem Bass und Zeitlupen-Schlagzeugpausen auf. Mit reichlich Effekten und allerlei melodischen elektronischen Verzierungen ist das eine zutiefst psychedelische, den Geist weitende Angelegenheit. Es folgt „Nalut“, in dem Kargels eigene atmosphärische Heuler und Pfiffe sich klug mit sonnig-hellen Tropengitarren, nachhallenden Akkorden und verzögerungsschweren Saxofon-Soli verbinden, die auf dem dubgesprenkelten, tief liegenden Rhythmus reiten. Die balearischen Einflüsse des Kollektivs werden in „A Gentle Flow“ klanglich noch genauer ausgelotet: ein schlurfendes, weichgezeichnetes Stück, geprägt von gefühlvollem Klavier und Jazzgitarre, mit Besen gespieltem Schlagwerk, sonnenaufgangstauglichen Synthesizern und angenehm in die Länge gezogenen elektronischen Klanggeweben. Zu diesem treibenden, morgendlichen, augen-zu-Klang kehren Neumayer Station später auf der Langspielplatte zurück – mit dem wunderbaren „Von der Morgenröte“. Der berauschende Einfluss entrückter Dub-Aufnahmetechniken tritt in „Bassrutscher“ in den Vordergrund, einer Koproduktion von Alexander Sticht, reich an von Americana geprägten Gitarrenklängen, metronomischem Dub-Bass, rimshot-lastigen Trommeln, verschlungenen Orgelwegen und orangefarben getönten Dämmerungstönen. Das leitet über zum flotteren Schlurfen von „Zielgerade“, einer inneren Weltraum-, außer-sich-Angelegenheit, deren antreibender, doch locker gegliederter Rhythmus eine Bühne für fremdartige, dröhnende und unwirkliche Gitarren-, Saxofon- und Synthesizerklänge bietet. Wie bei allen großen Alben baut sich Crossings behutsam zu einem triumphalen und einprägsamen Schluss auf. Der raumgreifende Balearica/kosmische Übergang von „Feeling Forst“, in dem huschende intergalaktische Synthesizerklänge Schulter an Schulter mit sanften akustischen Gitarren in einer halluzinatorischen Klanglandschaft stehen, bereitet den Schlusstitel „Crossings“ vor: ein im Krautrock verwurzelter, saxofongetragener Brocken umhüllender Spätabend-Schönheit, der die Hörer bereits 2023 erstmals mit Neumayer Station bekannt machte. Ein passender Abschluss für ein verblüffend gutes Erstlingsalbum.