Djrum – Unter verflochtener Stille
LABEL: Houndstooth„Wir gehen durchs Leben. Wir streifen unsere Häute ab. Wir werden wir selbst.“ Diese Zeile von Patti Smith ging Felix Manuel unablässig durch den Kopf, während er nach und nach Under Tangled Silence formte – sein erstes Album seit sechs Jahren und ein Werk einer buchstäblichen schöpferischen Wiedergeburt. Felix begann 2020 während des Covid-Lockdowns ernsthaft daran zu arbeiten, doch ein katastrophaler Zusammenbruch der Festplatte zerstörte fast alles, was er geschaffen hatte, und brachte ihn selbst nahe an einen seelischen Zusammenbruch. Letztlich jedoch trieb ihn das dazu, von Grund auf neu zu beginnen – und dabei jeden Teil seiner musikalischen und seelischen Arbeitsweise zu stellen, zu prüfen und neu zu bewerten. Das Ergebnis ist schlicht außergewöhnlich. Felix war als Instrumentalist ein Wunderkind, und seine weit entwickelte Musikalität war in seiner Musik stets deutlich zu hören; hier aber stellt er sich selbst ganz in den Mittelpunkt – als Pianist, Harfenist und mehr. Dieses Gefühl der Entblößung als Ausübender verwebt sich zudem mit einer schonungslosen seelischen Offenheit. Wo eine so ausgefeilte elektronische Herstellung bisweilen Verstand und Verfahren als Schutzschilde gegen das Offenlegen der Seele nutzen kann, ist dies der Klang eines Menschen, der kühn sagen kann: „Ich fühle Dinge, ich weine die ganze Zeit, und ich habe keine Angst, es zu sagen oder es in der Musik zu zeigen.“ Das heißt jedoch nicht, dass er sich von den Klanganlagen und Tanzflächen entfernt, auf denen Felix sich als einzigartig neuernder Schallplatten-DJ einen Namen gemacht hat. Schon im Eröffnungsstück „A Tune for Us“ fließen schlichte Klavierwellen und Jazz-Schlagzeug in die Breaks von altem Jungle – und während sich der Aufbau der LP entfaltet, kann eine tiefe, schwebende Betrachtung wie „Hold“ ganz selbstverständlich zwischen dem zukunftsgerichteten Dancehall von „L’Ancienne“ und dem hochauflösenden Acid-House-Kopfkino von „Galaxy in Silence“ stehen. Tatsächlich wird – wie auch bei der handfesten Musizierkunst – jene beherzte, wuchtige elektronische Wirkung aus großen Lautsprechern mit mehr Gewissheit, mehr Können, mehr persönlichen Verzierungen als je zuvor geliefert. Und all diese Elemente sind auch stärker als je zuvor miteinander verwoben: Der Klang einer vollständigen musikalischen Persönlichkeit, die neu hervortritt, ist wahrhaft etwas, das man gesehen haben muss. Ein ohnehin bemerkenswertes Talent ist aufgefrischt, neu geboren und macht die Musik seines Lebens.