Joel Sarakula – Weichzeichnung
LABEL: LegereJoel Sarakulas neues Album „Soft Focus“ ist ein Werk aus der Mitte seiner Laufbahn, das seine vielen Einflüsse und Stilrichtungen umspannt, darunter sanfter Rock, Funk und unabhängiger Pop – alles vereint unter dem Dach seines milden Blicks und einer „weichen“ Ästhetik. „Soft Focus“ ist auch der Name einer fotografischen Technik, die aus einer sphärischen Abweichung des Objektivs entsteht, bei der das Bild etwas unscharf und unbestimmt wirkt: Das ist zugleich schmeichelhaft und nachsichtig für das Motiv. Ein treffender Titel. Als lebenslanger Träger (alter) Brillen weiß Sarakula eine Menge über sphärische Abweichungen. Vielleicht hat er diese Lieder ohne Brille aufgenommen, denn es sind abstrakte, warme Bildausschnitte, die nie zu lange bleiben – und gerade deshalb gelingt es Sarakula, auf „Soft Focus“ zwölf neue Stücke unterzubringen. Zu den Höhepunkten zählen eines der zwei von Shawn Lee erzeugten Stücke „I'll Get By Without You“, der rockigere, iberische Takt von „King Of Spain“, die seelenvolle Bekräftigung von „Back For Your Love“ sowie die psychedelisch angehauchten „Bird Of Paradise“ und „Microdosing“. Dies ist ein liebevoll gestaltetes Album, sorgfältig geglättet, und es wirkt wie die Vollendung von Sarakulas Abenteuern im seelenvollen sanften Rock und seine prägende Aussage in dieser Stilrichtung. Auch wenn Vergleiche mit heutigen Vorhaben wie Shawn Lees Young Gun Silver Fox, Drugdealer, Benny Sings und Prep gezogen werden, ziehen sich zugleich Nachklänge von Ikonen des sanften Rock wie Ned Doheny, Boz Scaggs, Todd Rundgren und Michael Franks sacht durch das Album. Stell dir vor, Ray Manzarek wäre der Frontmann der Bee Gees … Das ist ein hübscher bildhafter Einstieg zu Joel Sarakula, einem in Großbritannien lebenden australischen Künstler, der seelenvollen Pop schreibt, erzeugt und singt – und dabei durch alte Brillengläser, alte Gewänder und langes blondes Haar auf eine heutige Welt blickt. Seine Musik speist sich aus einer reichen, von den 1970er-Jahren geprägten Farbpalette und greift Einflüsse aus sanftem Rock, Funk und Disko auf: sonnige, flotte Stücke für dunklere Zeiten. In dem Bewusstsein, dass er aussieht und bisweilen klingt wie das Liebeskind von Ray Manzarek und den Brüdern Gibb, liegt sein selbstironischer Sinn für Humor stets knapp unter dem Pony. In Sydney geboren, in Großbritannien ansässig und im Blick auf die Welt ausgerichtet, ist Sarakula ein Liedschreiber, der auf der Suche nach seiner Muse um die Welt gereist ist – und alles erlebt hat, von der Opferrolle bei karibischen Autorauben bis hin zu Auftritten in abgelegenen norwegischen Fischerdörfern, bevor er schließlich seine Laufbahn in Großbritannien und Europa festigte. Seitdem hat er Alben wie „Island Time“ (2023), „Companionship“ (2020), „Love Club“ (2018) und „The Imposter“ (2015) veröffentlicht, die in der regelmäßigen Wiedergabe im britischen und europäischen Rundfunk viele Durchläufe sammelten und ihm Beachtung in The New York Times, The Independent (UK), The Irish Times, Rolling Stone Germany, El Pais (Spain) und Sydney Morning Herald einbrachten. Es war ein langer Weg zu seinem heutigen Rang als Kultfigur: Er begann schon früh am Klavier im Vorstadt-Sydney, schrieb und sang Lieder, als er noch ein Jugendlicher war, und stand mit fünfzehn auf der Bühne, wo er in seinem örtlichen Golfklub Jazz-Standards spielte. „I came from humble beginnings, it's best not to mention“, wie er in seinem von 70er-Jahre-Boogie beeinflussten Lied „I'm Still Winning“ singt. Joel Sarakula ist eine feste Größe im Festspiel- und Klubbetrieb und ist zuvor bei den Festspielen SXSW, Primavera Sound und Glastonbury aufgetreten. Ganz der Weltbürger, geht er mit zusammengewürfelten Begleitgruppen auf Reise, die er jeweils aus dem Gebiet zusammenstellt, in dem er spielt: eine Gruppe aus Barcelona für Spanien, eine Gruppe aus Berlin für Deutschland und so weiter. Dieser kulturübergreifende Austausch ist ein weiterer Nachhall der 1970er-Jahre, als weltreisende Soul- und Popkünstler aus den USA es ebenso hielten, und er sorgt dafür, dass seine Bühnenauftritte frisch, mitreißend und ganz und gar gegenwärtig bleiben.