Verschiedene – Nicola Conte präsentiert Reise
LABEL: Far Out RecordingsKünstler von Blue Note / Schema / Far Out Recordings legt eine neue Zusammenstellung der goldenen Zeit italienischer Bibliotheksmusik vor. Nach seiner gefeierten fünfteiligen Viagem-Reihe, die Brasiliens vergessene Bossa Nova und Samba-Jazz würdigte, richtet der Künstler von Far Out, Blue Note und Schema Recordings sowie internationale Schallplattenaufleger Nicola Conte mit Viaggio seinen kuratorischen Blick wieder nach Hause: eine außergewöhnliche Erkundung der Wiederbelebung der italienischen Bibliotheksmusik 1970–79. Die 12 Titel umfassende Zusammenstellung rückt die bemerkenswerte schöpferische Explosion der siebziger Jahre ins Licht: als einige der größten, historisch jedoch am meisten übersehenen Komponisten – darunter Amedeo Tommasi, Alessandro Alessandroni und Max Rocci – riesige Mengen eigener Musik für Film- und Fernseharchive komponierten und aufnahmen. Anders als kommerzielle Veröffentlichungen für den Massenmarkt wurde Bibliotheksmusik eigens dafür geschaffen, Bilder auf der Leinwand zu begleiten.
Das bedeutete schöpferische Freiheit für Komponisten, die sich Szenen, Gefühle und Welten als Klangbegleitung ausmalten. In kleinen Auflagen gepresst, gelangten diese Aufnahmen nur in interne Kreise von Musikredakteuren, Journalisten und Fernsehfachleuten – und blieben der breiten Öffentlichkeit jahrzehntelang nahezu unsichtbar. „Das ist eine Reise durch eine weitgehend vergessene Welt“, erklärt Conte. „Während große Gelegenheiten für Jazzaufnahmen rar waren, begann ein erstaunliches Geflecht kleiner Plattenfirmen im Besitz von Verlagen – oft von den Komponisten selbst gegründet – zu gedeihen. So entstand ein offener Raum, in dem Musiker klanglich experimenteller und freier denken konnten.“ Im Mittelpunkt von Viaggio steht Amedeo Tommasi, der feinsinnige Jazzpianist, der 1960 als Begleiter internationaler Stars wie Chet Baker, Bobby Jaspar und Jacques Pelzer hervortrat. Tommasi gehörte zu den frühesten Künstlern Italiens, die Einflüsse des schwarzen US-amerikanischen modalen Jazz einführten, und als herkömmliche Möglichkeiten für Aufnahmen schwanden, wandte er sich Filmmusik und Bibliotheksmusik zu. Damit prägte er einen unverwechselbar italienischen Klang, der experimentellen Jazz mit den neuen Möglichkeiten verband, die Entwicklungen bei Klanggebern und Aufnahmetechnik eröffneten. Die Zusammenstellung enthält seltene Kostbarkeiten aus den Veröffentlichungen kleiner Firmen, namentlich aus den Katalogen der Marken Cenacolo und Rotary. Zu Tommasis Zeitgenossen zählen der große Alessandro Alessandroni und seine Sängerin und Ehefrau Giulia De Mutiis (Kema), Stefano Torrosi (unter dem Decknamen Farlocco – bedeutet „falsch“/„Schwindler“), sowie der belgische Komponist Joël Vandroogenbroeck. Die Aufnahmen fangen die technische Entwicklung der Zeit ein, da betörende Klangmischungen oft mit weltweiten Einflüssen zusammengehen – von brasilianischen Rhythmen über Jazz-Funk-Erkundungen bis hin zu nahöstlichen Tonleitern. „Man hört sowohl die unheimlichen Melodien als auch die sonnengetränkten Stimmungen, die für die italienische Kultur jener Zeit so typisch sind“, bemerkt Conte. „Einige dieser Alben hätten vollwertige Künstlerveröffentlichungen sein können, andere waren gezielt dafür gedacht, Bilder auf der Leinwand zu begleiten – doch alle wurden mit einer erkundenden Schöpferkraft gestaltet, die bis heute kraftvoll nachhallt.“